Video Killed The Radiostar

Andacht zum Internettag 2021 von Pastor Winfried Gringmuth

Um 0.01 Uhr am 1. August 1981 begann der Sender MTV sein Programm mit eben diesem „Video Killed The Radio Star“. Zuvor war schon etwas herumexperimentiert wurden, und in der Anfangszeit lief es bei MTV auch nicht immer professionell. Aber die Musikindustrie erkannte schnell die Chancen, die sich boten: Auf dem Bildschirm waren die Musiker aus weit größerer Nähe und besser zu sehen als bei Live-Konzerten. Und tatsächlich: Nach der Schule galt für Jugendliche nicht mehr der Griff zu Radio oder Cassettenrecoder als DAS Mittel zum Abhängen, sondern die Clips bei MTV.

Die Kombination aus Bild und Ton hatte weitgehend das reine Hören verdrängt. Ob bei uns in der Kirche eine ähnliche Entwicklung geschieht, war für meinen Eindruck das eigentliche Thema des heutigen Internettages. Ein solcher Umbruch wäre nicht einmal der erste! Die damals neuen Möglichkeiten des Buchdrucks und das Herstellen von Massendrucksachen haben wesentlich zur Verbreitung des evangelischen Gedankenguts während der Reformation beigetragen. Aber hat es auch Kirche und Glauben verändert?

Nun ja – zunächst einmal hat es zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft geführt. Und dann, durch den Zusammenhang mit der Entwicklung der allgemeinen Bildung, zu einem möglichen individuellen Verständnis der Bibel. Gott kam sozusagen zu mir, ins Private. Das Beten über der Bibel im eigenen Kämmerchen war Wirklichkeit geworden. Wird die Digitalisierung kirchlicher, christlicher Inhalte und Veranstaltungen erneut einen solchen Umbruch generieren? Tut es uns überhaupt gut?

Lukas überliefert so etwas wie eine Stellungnahme Jesu zu den Veränderungen, die mit seiner Verkündigung zusammenhängen. »Niemand schneidet ein Stück von einem neuen Kleid ab, um damit ein altes zu flicken. Sonst hat er das neue Kleid zerschnitten, und zu dem alten passt der Flicken von dem neuen gar nicht. Auch füllt niemand neuen Wein, der noch gärt, in alte Schläuche. Sonst sprengt der neue Wein die alten Schläuche; der Wein fließt aus und auch die Schläuche sind hin. Nein, neuer Wein gehört in neue Schläuche! Aber niemand, der alten Wein getrunken hat, wird danach neuen haben wollen. Denn er wird sagen: ›Der alte ist besser.‹« (Lk 5, 36b-39)

Für Jesus ist klar: Die alte Botschaft und die neue sind nicht vereinbar. Und der Schlusssatz, den Lukas angehängt hat und den einige der alten Kirchenväter weggelassen haben, will eigentlich nur den Zeitgenossen erklären, warum sich viele dem Neuen verschließen. Sind wir in einer solchen Lage? Spontan hätte ich gesagt: Nein!

Wir verkünden doch keine neue Botschaft! Es ändert sich nur die Art der Kommunikation! Inzwischen bin ich unsicher geworden. Nach dem Gottesdienst am vergangenen Sonntag, der erstaunlich gut besucht war, meinten mehrere, sie hätten es richtig genossen, endlich wieder dieses „Wir“ beim gemeinsamen Singen zu erleben. Sind wir womöglich dabei, Jesu unmittelbaren Beziehungsauftrag - „Er ist jetzt dein Sohn!“ - „Sie ist jetzt deine Mutter!“ - nur noch virtuell zu sehen? Gehen wir noch einen Schritt weiter, solche Grundsatzfragen wie nach Gerechtigkeit oder Freiheit ins Individuelle zu verschieben?

Ach, übrigens: Im November 2009 hat Robbie Williams ein Album mit deutlicher Anspielung auf den Eingangsclip von den Buggles veröffentlich: „Reality Killed The Video Star“. War allerdings weniger erfolgreich als andere seiner Alben. Ein – Zeichen? 

Pastor Winfried Gringmuth