Rückblick Internettag 2021

Nachricht Hannover, 07. Juli 2021

Videokonferenzen verändern den beruflichen Alltag

Beim Internettag beteiligten sich 126 Teilnehmende an diversen Veranstaltungsformaten: Vortrag, Workshop, Expertenrunde, aktive Pause Bild: Merle Specht | EMA

Das sagen die Teilnehmenden des Internettags

„Dein Mikro ist noch aus!“ „Ach, Dein Hintergrund ist ja schön!“ „Seid Ihr auch alle eingefroren?“ Seit einem guten Jahr gehören solche Sätze zum Standardrepertoire, wenn Menschen zu einer Diskussionsrunde zusammenkommen. Wenn sie einen Gemeindebrief oder einen Gottesdienst planen wollen. Diese Sätze hätten noch vor zwei Jahren bei den meisten „normalen“ Menschen, die nicht regelmäßig mit Übersee konferieren, nur Schulterzucken oder Kopfschütteln ausgelöst. Heute aber sind Videokonferenzen in den allermeisten Arbeits- und Wohnzimmern etwas ganz Normales.

Dies zeigen auch die Reaktionen in Chat und Padlet während des Internettages der Evangelischen Medienarbeit. Neben der alternativlosen Notwendigkeit in Zeiten einer Pandemie minimierten sie Reisezeiten (und die damit verknüpften Umweltbelastungen), so ist zu lesen, sie seien angenehmer als die reine Telefon-Konferenz und sie erleichterten zweifellos die Vereinbarkeit von Familie und gemeindlichem Engagement nicht zuletzt in Abendstunden.

Und doch: Nicht alle erleben die Dauerberieselung am Bildschirm als fortwährend wohltuend. Manche sorgen sich, was anstelle der Video-Konferenzen langfristig auf der Strecke bleibt. Andere beobachten Ängste und Vorbehalte gegenüber dem Neuen und Digitalen und fragen sich, wie sie die Vorteile stärken und die Zögerlichen ermutigen können. Videokoferenzen werden gleichwohl bleiben, auch wenn Covid19 uns nicht mehr dazu zwingt, auf Abstand zu bleiben. Und so reifen die nächsten Ideen – könnte die gesparte Reisezeit nicht auch am Bildschirm zum besseren Kennenlernen genutzt werden? Könnten generationsübergreifende Projekte helfen, Vorbehalte abzubauen und Wissenslücken in leichter Sprache zu schließen? In keinem Fall, darin sind sich alle einig, sollten jene auf der Strecke bleiben, die mit Technik nicht so recht warm werden.

Rebekka Neander, stellv. Pressesprecherin

Prof. Dr. Christoph Klimmt beim Hauptvortrag Bild: Merle Specht | EMA

Vortrag Prof. Dr Klimmt

Zoomkonferenzen als dauerhafte Form der beruflichen Kommunikation fördern Erschöpfungszustände und sind damit ein ernsthaftes Problem für die Arbeitsgesundheit. Produktivität von Teams und die Mitarbeiter*innenzufriedenheit sind bedroht. Mit diesen klaren Worten leitete Prof. Dr. Christoph Klimmt von der Hochschule für Theater und Musik Hannover seinen Vortrag zum Internettag 2021 ein. Zur "Zoom Fatique", einem Erschöpfungzustand, trügen vor allem das ständige Betrachten des eigenen Bildes, die Fixierung auf einem Sitzplatz sowie die Übersetzung der nonverbalen Kommunikation bei. 

Denken ist an Orte gebunden

"Arbeitsorte sind nicht beliebig; sie sind fest mit den kognitiven Routinen des Menschen verbunden, sie bieten Struktur, Motivationsanreize und Entlastung von Orientierungsaufgaben. Ein hoher Anteil von Videokonferenzen im Betriebsalltag bei (stark) reduzierten persönlichen Begegnungen konsumiert daher deutlich mehr kognitive Kapazitäten für einfache Denkleistungen, die vormals automatisiert und 'schlank' abgewickelt wurden," so der Experte für Mediengebrauch weiter.  

Ein lockerer Ton in der Teeküche im Gegensatz zu einem kontrollierten Verhalten gegenüber dem Chef oder der Chefin würde sich, so Klimmt, zu einem großen Teil durch den Raum definieren. Durch den Raumwechsel bleibe dabei genügend Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Dies alles falle bei Videokonferenzen weg. Auch lasse sich in Videokonferenzen das Sozialverhalten der Gesprächspartner*innen nur bedingt beobachten und reflektieren. Humor werde durch die mangelde Körperlichkeit reduziert und amüsante Gesten (dem Gegenüber den Kugelschreiber klauen) ebenso. 

"Kollaps der Kontexte" - Vorbereitungen entfallen

Im Berufsalltag werden Konferenzen oft so eng getaktet, dass den Teilnehmenden, aber auch den Konferenzleitenden wenig Zeit bleibe, sich auf die neue Situation einzustellen. Fragen wie "Welche Rolle habe ich in diesem Gespräch? Was muss ich aus Vorgesprächen wissen, um jetzt gut leiten zu können?" werden durch erhöhte Anforderungen an das kognitive System kompensiert. Je anspruchsvoller die Gespräche seien (Seelsorge, Krise), desto mehr würden die schnellen Wechsel zu Problemen führen, so Klimmt.

Tipps und Tricks zur Vermeidung von Zoom Fatigue

Folgende Tipps gab Christoph Klimmt den Teilnehmenden für eigene Konferenzen mit auf den Weg:

  • stets die Altenative zur Videokonferenz prüfen
  • öfter mal das Telefon benutzen
  • die eigenen Erwartungen an Videokonferenzen niedrig hängen (Pausen, Dauer)
  • auf Anzeichen von Fatique sensibel reagieren, diese thematisieren
  • als Moderator*in in Konferenzen mit Humor nicht sparen und Bewegung zulassen
  • als Moderator*in positive Reize planen und oft den Bildschirm teilen
Programm des Internettages 2021, Bild: Merle Specht | EMA

Überraschungspäckchen, Padlet und Workshops

Ob nun bequem mit Jogginghose zu Hause vorm PC oder zur Moderation und Hauptvortrag live im Foyer des HkD – „Zoombombing in Jackett und Jogginghose“, der Titel des diesjährigen Internettages, lockte am 3. Juli 2021 126 Teilnehmer*innen vor den Bildschirm. Das Team der Digitalen Agentur hatte ein spannendes und kurzweiliges Programm geplant, organisiert und in Zusammenarbeit mit dem Mediendienst Bramsche als hybride Veranstaltung umgesetzt. Dazu gehörten auch Überraschungspäckchen, die Silke Helms im Vorfeld für alle Teilnehmenden verschickt hatte. Passend zum Thema des Tages war der Hauptvortrag von Prof. Christoph Klimmt (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover) über die Auswirkungen der ständigen Videokonferenzen auf unsere Psyche und unser Verhalten.

Seine Erkenntnisse und Tipps konnten gleich anschließend in Workshops und auch später in den aktiven Pausenangeboten, u.a. unter Anleitung von Referent*innen der Evangelischen Familienbildungsstätte Hannover, umgesetzt werden. Neben externen Referent*innen waren auch alle aus dem Team der Digitalen Agentur entweder als Referent*in oder Host in den Workshops dabei. So konnten auch unsere Programmierer einmal in Themenfelder wie Digitale Seelsorge oder Digitale Gottesdienste und Digitale Chorproben eintauchen.  Auf einem sogenannten Padlet (digitale Pinnwand), das während der gesamten Veranstaltung für die Teilnehmer*innen zur Verfügung stand, konnten alle Anwesenden Fragen, Anmerkungen und ihr Feedback zu den Themen hinterlassen.

Hier ergänzte Rebekka Neander (Stellv. Pressesprecherin Ev.-luth. Landeskirche Hannovers) als Moderatorin das Team. Es zeigte sich, dass im digitalen Wandel auch eine Chance gesehen wurde, junge Kirchenmitglieder stärker zu interessieren und einbeziehen zu können.

Neugier und Mut, Neues einfach auszuprobieren – und im idealen Fall eine Ergänzung von analogen und digitalen Elementen sowohl in der Zusammenarbeit als auch bei Seelsorge und Gottesdiensten – das sollte aus den Erfahrungen während der Corona-Pandemie bleiben. Darin waren sich Teilnehmer*innen und Expertenrunde im abschließenden Austausch einig. „Mehr davon!“ – so Reaktionen im Padlet auf diesen Tag. Diese Anregung nehmen wir gerne mit und bedanken uns auch an dieser Stelle noch einmal bei allen Mitwirkenden!

Petra Schäfer, EMA | Digitale Agentur

Zahlen aus der Digitalen Agentur

Schlußandacht

Um 0.01 Uhr am 1. August 1981 begann der Sender MTV sein Programm mit eben diesem „Video Killed The Radio Star“. Zuvor war schon etwas herumexperimentiert wurden, und in der Anfangszeit lief es bei MTV auch nicht immer professionell. Aber die Musikindustrie erkannte schnell die Chancen, die sich boten: Auf dem Bildschirm waren die Musiker aus weit größerer Nähe und besser zu sehen als bei Live-Konzerten.

Pastor Winfried Gringmuth

Video Killed The Radiostar

Vortrag Prof. Dr. Klimmt