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Streng öffentlich - Das Geschäft mit den Daten

Nachricht Hannover, 25. April 2018

Seit Mitte März hält ein Datenmissbrauch die Medien weltweit auf Trab: Facebook soll wissentlich Daten von mehr als 87 Millionen facebook-Profilen an das britische IT-Unternehmen Cambridge Analytica weitergegeben haben, die diese für Wahlwerbung und andere Zwecke nutzte. 

Facebook-Userin Martina Schaefer kann die Aufregung der letzten Wochen überhaupt nicht nachvollziehen. „FB macht, was es schon immer gemacht hat, Daten der Nutzer genutzt.“, kommentiert die Rheinländerin einen Post von der tagesschau zum Thema und erinnert daran: „Wer die Geschäftsbedingungen gelesen hat und/oder sich über FB informiert, weiß das. Warum also jetzt dieser Aufschrei?“

Wer auf das Profil von ihr geht, bekommt allerdings auch nur wenig von Martina Schaefer zu sehen. Denn die junge Frau hat vorgesorgt und ihre Sicherheitsbestimmungen bei facebook 2012 so angepasst, dass nur eine Handvoll Informationen für die Öffentlichkeit zugänglich ist: wann sie ihr Profilbild geändert hat, wo sie arbeitet, lebt, zur Schule gegangen ist und welche Fotos sie bis 2012 gepostet hat. Unverfängliche Buddha-Bärchen am Bosporus oder ein Ulli-Stein Komik zur Sommerzeit-Umstellung im Jahr 2012. An was sie glaubt, welche Partei sie gut findet, bei welchem Supermarkt sie einkauft oder wohin sie gerne verreist, bekommt niemand zu sehen, der nicht ihre Einwilligung dazu bekommen hat. „Um zu sehen, was sie mit Freunden teilt, sende ihr eine Freundschaftsanfrage“, rät facebook. Ob Martina Schaefer die Anfrage annimmt, ist ihre Entscheidung.

Zumindest glaubte man das bis zum öffentlich gewordenen Datenskandal. Denn hätte Martina Schaefer den amerikanischen Präsidenten wählen oder amerikanische Freunde bei ihrer Wahl beeinflussen können, hätten ihre Sicherheitseinstellungen nicht mehr gereicht. Das Problem: Sie wäre ins Visier von Alexander Nix, dem mittlerweile suspendierten Geschäftsführer von Cambridge Analytica, gekommen. Sein Ziel: die Welt zu verändern und Martina Schaefer zu manipulieren. Gestreute fakenews und Werbung in den Profilen von facebook-Nutzern sollen genau das möglich gemacht haben. Die User-Daten wurden über eine Umfrage-App gesammelt, die genauso unauffällig  daher kam wie das Strategiespiel „Farmville“, der Schweine-Shooter „Angry Birds“ und die Quizspiele, die facebook überfluten. Unterhaltungsspaß, der unseren Spieltrieb oder die Eitelkeit  kitzelt, uns Einsteinsche Genialität bestätigt – und im Gegenzug Daten von uns sammelt. Die Umfrage-App von Cambridge Analytica mit dem Namen „thisisyoudigitallife“ versprach Nutzern dabei einen Persönlichkeitstest. Im Gegenzug bat das Unternehmen um Zugriff auf die Informationen der Nutzer – und bekam sie!  So wie jede App, die wir auf unserem Mobilgerät installieren.

Kostenlose Spiele für Cola-Werbung

Gesammelt und verkauft werden unsere Daten von App-Anbietern bereits seit Jahren und spülen uns für die kostenlos genutzten Dienste und Spiele Werbung in unsere Timeline. Cola-Werbung, Empfehlungen für Technik-Gadgets oder Traumreisen – je nachdem, woran man interessiert ist.  Doch durch Cambridge Analytica bekamen die Nutzer dieses Mal mehr zu sehen als Werbung für einfache Lifestyle-Produkt: News, die Gegner von Präsidentschaftskandidat Donald Trump bloßstellten, den Republikaner-Kandidaten schön redeten und Wahlwerbung für den Milliardär betrieben.

Besonders delikat: Betroffen waren nicht nur die Nutzer der Umfrage-App, sondern auch ihre Freunde. Glaubt man Cambridge Analytica Managerin Brittany Kaiser, war die Wahlwerbung nur der Anfang der Enthüllung. Auch der Brexit sollte gesteuert worden sein. Und es gab noch mehr Umfrage-Apps, „üblicherweise mit einem Facebook-Login“, sagte sie vor dem britischen Parlament und prognostizierte, es wären weitaus mehr als bei 87 Millionen Nutzer weltweit betroffen. 

Die Macht des Internets

Zwei Tage lang musste Mark Zuckerberg, CEO von facebook, vor dem US-Kongress wegen dem Datenleck Rede und Antwort stehen und erklären, warum er trotz Kenntnis davon nichts unternahm. Doch schließlich sah sich der 32jährige Milliardär einer Riege gealterter Senatoren gegenüber, die die fachlichen Feinheiten des Internets nicht richtig benennen und Zuckerberg nur selten festnageln konnten. Dick Durbin, überzeugter Demokrat, Umwelt-Aktivist und 74 Jahr alt, brachte Zuckerberg mit einer Frage aber zumindest kurz aus der Fassung: "Mister Zuckerberg, würden Sie sich wohl damit fühlen, uns mitzuteilen, in welchem Hotel Sie die vergangene Nacht verbracht haben?" Durbins Frage klang naiv, aber sie machte klar, dass es bei der Datenschutz-Diskussion um mehr geht.  Reicht ein „Nein“ bei facebook, um seine eigenen Daten zu schützen? Die Antwort lautet klar: Nein. Marketingexperten wissen das bereits seit Jahren. Denn wo Zuckerbergs Universum aus facebook, WhatsApp, Instagram und dem VR-System Oculus Rift aufhört, fangen andere globale Player erst an. Google, Amazon und Apps, die akribisch verfolgen, was wir machen und auf drei Dinge bauen: unsere Vergesslichkeit beim Ausloggen, unseren Geiz und unsere Bequemlichkeit. Durch Cookies oder einen unsichtbaren facebook-Pixel halten sie fest, welche Artikel wir uns anschauen, Einkäufe abbrechen, wonach wir suchen und geben ihr Wissen an facebook weiter. Vom Pizza-Bringdienst bis zum kostenlosen Navigationsdienst Google Maps, vom Fashionstore bis zum kostenlosen Streaming-Dienst wird jede Handlung von uns inklusive der – oft nicht abgestellten - Standortfreigabe dokumentiert. Mit App-Installation gewähren wir meist weitreichenden Zugriff auf unsere Telefonnummern, Kontakte und Fotos. Durch das Einloggen in eine App mit dem facebook-Account erhält facebook Einblicke in diese Daten – frei Haus, mit unserer Zustimmung. Das Internet der Dinge hat da noch nicht einmal begonnen.

Bleibt alles anders?

Bis zum 25. Mai kann jeder Nutzer erneut  entscheiden, wie öffentlich man sein Leben bei facebook teilt oder am Leben von Freunden, der Familie und Kollegen teilnimmt – und wie die eigenen Daten für Werbung verwendet werden. Denn facebook legte am 20. April detailliert und mit leicht verständlichen Beispielen die Nutzung der Daten zu Werbezwecken offen und verwies auf seine geänderten Nutzungsbedingungen mit dem Hinweis, diese zu akzeptieren oder die Sicherheitseinstellungen entsprechend anzupassen. Der Hintergrund für die Offensive ist jedoch nicht eine Reaktion auf den Datenskandal, sondern die bevorstehende Datenschutzregelung der EU, die ab dem 25. Mai greift. Erst vor wenigen Tagen wurde sie von facebook-Chef Mark Zuckerberg in großen Zeitungsanzeigen noch ausdrücklich gelobt. Seine letzte Reaktion spricht eine andere  Sprache:  facebook verlegte die Daten von 1,5 Milliarden nicht-europäischer Nutzer aus dem Geltungsbereich der neuen EU-Datenschutzverordnung. Denn facebook hat rein wirtschaftliche Interessen an unseren Vorlieben, Neigungen und Verbindungen und generiert daraus seinen Gewinn - mit Werbung. Egal für wen. 14 Datenskandale seit der Gründung von facebook unterstreichen das. Kein einziges „Sorry“ von Zuckerberg änderte daran etwas. Für facebook-Nutzerin Birgit Heeren besteht deswegen trotzdem noch lange keine Gefahr für unsere Demokratie, denn sie glaubt an vor allem an eines – die Macht der eigenen Meinung: „Da schickt mir also jemand eine Email in der steht, machen Sie ihr Kreuz an der und der Stelle. Und dann mache ich das auch ... ja ne ist klar“, kommentiert sie beim ARD Morgenmagazin ironisch den Datenskandal. Und ich finde: Recht hat sie.

Lilian Gutowski in Zusammenarbeit mit Klaus-Motoki Tonn

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Wer weiß außer facebook, WhatsApp und Instagram von meinen Daten? Zum Beispiel google. Wer wissen möchte, welche Daten zum Beispiel alleine bei jeder google-Suche und App-Nutzung über unsere mobilen Geräte gespeichert werden, kann diese bei google einsehen, als mp3 abspielen und löschen.

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